Wenn Vertrauen zurückkehrt, sexuelle Anziehung aber nicht
Wenn über Untreue gesprochen wird, dreht sich die Diskussion meist um eine Frage:
„Kann die Beziehung überleben?“
Deutlich seltener wird über eine andere Frage gesprochen:
„Was passiert, wenn die Beziehung überlebt, das Vertrauen zurückkehrt und die Liebe bleibt, die sexuelle Anziehung jedoch nicht?“
Viele Menschen berichten nach einem Vertrauensbruch genau von dieser Erfahrung. Sie lieben ihren Partner weiterhin, möchten die Beziehung fortführen und erkennen die Bemühungen des anderen an. Dennoch bleibt das sexuelle Interesse aus oder verändert sich grundlegend.
(Blow & Hartnett, 2005; Gordon, Baucom & Snyder, 2004)
Verrat betrifft oft mehr als Sexualität
Von außen wird die Schwere eines Vertrauensbruchs häufig anhand der konkreten Handlung beurteilt:
War körperlicher Kontakt im Spiel?
Gab es eine Affäre?
War es „nur“ Pornografie, Flirten oder sexuelle Fantasie?
Die Forschung zeigt jedoch, dass Menschen Untreue nicht allein anhand des Verhaltens bewerten, sondern anhand der Bedeutung, die dieses Verhalten innerhalb ihrer Beziehung hatte.
Für manche Menschen steht Sexualität nicht nur für körperliche Nähe. Sie kann auch Vertrauen, Exklusivität, Sicherheit, Verletzlichkeit, Selbstbestimmung und Bindung symbolisieren.
Daher können zwei Menschen auf dasselbe Ereignis völlig unterschiedlich reagieren.
(Blow & Hartnett, 2005; Fincham & May, 2017; Gordon & Baucom, 2003)
Vertrauensbruch als Bindungsverletzung
In der Paartherapie wird Untreue häufig als sogenannte „Attachment Injury“ (Bindungsverletzung) beschrieben.
Betroffene berichten oft über Symptome wie:
- aufdrängende Gedanken
- starke emotionale Belastung
- erhöhte Wachsamkeit
- Schwierigkeiten, wieder Vertrauen aufzubauen
- Veränderungen in Nähe und Intimität
Nicht jeder Mensch erlebt Untreue als traumatisch, aber viele zeigen deutliche Belastungsreaktionen.
(Gordon, Baucom & Snyder, 2004; Glass, 2003; Peluso & Spina, 2008)
Vertrauen und sexuelles Begehren sind nicht dasselbe
Eine verbreitete Annahme lautet:
„Wenn das Vertrauen wieder da ist, müsste die sexuelle Anziehung doch ebenfalls zurückkommen.“
Die Forschung legt jedoch nahe, dass verschiedene Bereiche einer Beziehung unterschiedlich schnell heilen können.
Ein Mensch kann:
- seinem Partner wieder vertrauen
- Reue anerkennen
- ihn lieben
- die Beziehung fortsetzen wollen
und dennoch Schwierigkeiten haben, sexuelles Verlangen zu empfinden.
Vertrauen, Bindung und sexuelle Anziehung sind miteinander verbunden, aber nicht identisch.
(Mark, Milhausen & Maitland, 2013; Birnbaum, 2010; Impett et al., 2008)
Warum sich körperliche Anziehung verändern kann
Einige Menschen berichten nach einem Vertrauensbruch, dass sie ihren Partner körperlich anders wahrnehmen als zuvor.
Merkmale, die früher attraktiv wirkten, erscheinen plötzlich neutral oder sogar abstoßend.
Die Forschung kann bislang nicht eindeutig erklären, warum dies geschieht.
Allerdings ist gut belegt, dass Attraktivität nicht nur von körperlichen Merkmalen abhängt, sondern auch von emotionaler Nähe, Vertrauen und Beziehungszufriedenheit beeinflusst wird.
Eine Veränderung der Anziehung bedeutet daher nicht zwingend, dass die ursprüngliche Anziehung „nicht echt“ war.
(Birnbaum, 2010; Murray, Holmes & Griffin, 1996; Fletcher et al., 1999)
Wut, Trauer und ungelöste Verletzungen
Viele Menschen erleben nach einem Vertrauensbruch eine widersprüchliche Situation: Sie vergeben ihrem Partner und gleichzeitig bleiben Wut, Enttäuschung oder Trauer bestehen.
Vergebung bedeutet psychologisch nicht automatisch emotionale Verarbeitung oder vollständige Heilung.
Einige therapeutische Modelle gehen davon aus, dass ungelöste Verletzungen die sexuelle Intimität beeinflussen können. Diese Annahmen sind klinisch plausibel, aber nicht für jede Person eindeutig empirisch isoliert.
(Worthington, 2006; Gordon et al., 2004)
Die Bedeutung früherer Erfahrungen
Die „Betrayal Trauma Theory“ beschreibt, dass frühere Erfahrungen mit zwischenmenschlichen Verletzungen (einschließlich sexueller Traumata) beeinflussen können, wie spätere Vertrauensbrüche erlebt werden.
Das bedeutet nicht, dass aktuelle Reaktionen „nur alte Wunden“ sind.
Es bedeutet, dass frühere Erfahrungen beeinflussen können, wie Sicherheit, Vertrauen und Intimität später verarbeitet werden.
(Freyd, 1996; DePrince & Freyd, 2002; Gobin & Freyd, 2014)
Wenn Anziehung plötzlich bei jemand anderem auftaucht
Besonders verwirrend wird es, wenn nach längerer Zeit ohne sexuelles Verlangen plötzlich wieder Anziehung entsteht – allerdings nicht gegenüber dem eigenen Partner.
Viele Menschen interpretieren das als Zeichen, dass die Beziehung „nicht mehr stimmt“.
Die Forschung unterstützt diese direkte Schlussfolgerung jedoch nicht.
Anziehung außerhalb von Beziehungen ist auch in stabilen, monogamen Partnerschaften häufig und bedeutet nicht automatisch Beziehungsunzufriedenheit oder Untreueabsicht.
(Fisher, 2004; Levine, 2003; Mark et al., 2011)
Fragen, die hilfreicher sein können als schnelle Antworten
Anstatt sofort zu fragen:
„Soll ich bleiben oder gehen?“
könnten folgende Fragen hilfreicher sein:
- Welche Bedeutung hatte der Vertrauensbruch für mich?
- Was bedeutet Sexualität in meiner Vorstellung von Nähe?
- Welche Gefühle tauchen bei sexueller Intimität auf?
- Haben sich Vertrauen und sexuelles Verlangen unterschiedlich entwickelt?
- Was genau vermisse ich?
- Was betrauere ich?
Diese Fragen liefern selten sofortige Antworten, können aber helfen, die eigene Situation klarer zu verstehen.
Liebe, Vertrauen, Bindung und sexuelles Verlangen entwickeln sich nicht immer synchron.
Ein Mensch kann lieben und dennoch kein sexuelles Begehren empfinden.
Ein Mensch kann vergeben und dennoch verletzt sein.
Eine Beziehung kann weiterbestehen und sich dennoch grundlegend verändert haben.
Die Forschung liefert keine einfache Formel dafür, wann sexuelle Anziehung nach einem Vertrauensbruch zurückkehrt.
Sie zeigt jedoch deutlich: Diese Erfahrung ist real, gut dokumentiert in klinischen Kontexten und für viele Menschen emotional sehr belastend, auch wenn sie selten offen darüber gesprochen wird.
(Blow & Hartnett, 2005; Gordon et al., 2004; Mark et al., 2013)
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